Graubünden - Baukultur

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Waltensburger Meister
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Kirche St. Georg*

| 7403 Rhäzüns
Reichstes Beispiel eines vollständig ausgemalten mittelalterlichen Kirchenraums in der Schweiz.

In abgeschiedener Lage auf einem bewaldeten Hügel über dem Hinterrhein. Das Patrozinium geht auf die lokale Legende zurück, nach welcher der heilige Georg Graubünden Mitte des 4. Jahrhunderts missioniert und an dieser Stelle mit dem Pferd über die Rheinschlucht gesetzt habe, um den heidnischen Verfolgern zu entkommen. Altpfarrei, erwähnt 960; durch Grabungen anlässlich der Restaurierung 1961–63 Nachweis einer karolingischen Saalkirche mit gestelzter Apsis und ummauertem, offenem (?) Vorhof. Heutige Anlage bestehend aus romanischem Schiff mit Flachdecke und querrechteckigem gotischem Chor aus dem frühen 14. Jahrhundert mit Kreuzrippengewölbe. Turm an der Südseite des Chors vielleicht 14. Jahrhundert, erhöht im 16. Jahrhundert. Bildfragmente an der Südwand von Chor und Schiff 1. Hälfte des 14. Jahrhunderts, Christophorus und Drachenkampf des heiligen Georg. Im Schiff neue Decke 1731 von Jakob Moron, gleichzeitig neue Stichbogenfenster. Flügelaltar eines süddeutschen Meisters datiert 1522, aus dem 1546 reformiert gewordenen Tamins; restauriert 1994: Im Schrein Muttergottes zwischen den heiligen Johannes der Täufer und Georg, Felix (nicht zugehörig) und Martin; an den Flügeln innen Reliefs der heiligen Katharina (?) und Dorothea, Laurentius und Jakobus der Ältere, an den bemalten Aussenseiten Epiphanie; an der Rückseite des Schreins Jüngstes Gericht. Aus Balken gefügte altertümliche Bänke ohne Lehnen.

Hochgotische Wandmalereien von zwei Künstlern. Die älteren im Chor und am Chorbogen um 1350 vom Waltensburger Meister, die jüngeren an den Schiffswänden 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts vom Rhäzünser Meister.

Chor: Die Rippen illusionistisch zur Vortäuschung reicher Profile farbig bemalt. In den Gewölbekappen Blattranken zwischen vier grossen Medaillons mit Engeln als Evangelisten, auf dem Schlussstein Antlitz Christi; in den drei Gewölbeschilden Verkündigung (flankiert von Fuchs und Storch der Äsop-Fabel), Kreuzigung und Marienkrönung; unter kräftigem Mäanderfries eine stark zerstörte Anbetung der Könige, Apostelreihe und Stifterpaar mit Rhäzünser Wappen; in der Fensterleibung die heiligen Oswald und Niklaus; Sockeldraperie.

Chorbogenwand: Der Bogen wie die Gewölberippen des Chors illusionistisch gefasst, an der Wand, unter einem Zinnenfries, drei Bilderstreifen mit ikonografisch interessanten, ineinanderfliessenden Szenen der Wunder und Leiden des heiligen Georg: Rechts oben zeigt König Dadianus dem Heiligen die Marterinstrumente Rad und Kessel, daneben Wunder des heiligen Georg, der aus dem Haus einer armen barmherzigen Witwe Zweige spriessen lässt; darunter wird ihm das verkrüppelte Kind der Witwe vorgeführt, links davon Gefangennahme Georgs; links oben wird Königin Alexandria nach ihrem Bekenntnis zum Christentum an den Haaren aufgehängt, gepeitscht und darauf enthauptet, während der für sie bittende heilige Georg in einen Kessel mit siedendem Blei gesetzt wird; im mittleren Bildstreifen lässt Zauberer Athanasios einen Dämon aus einem zerberstenden Stier steigen, der Heilige wird gerädert, im unteren Streifen aufgehängt und geschunden, rechts des Chorbogens enthauptet; unter der Georgslegende links Schutzmantelmadonna mit kniendem Stifter und zwei Frauen unter dem Wappen Rhäzüns, rechts, über dem gemauerten Altarblock, Johannes der Täufer; an der Nordwand des Schiffs Darstellung des Drachenkampfes.

Schiff: An den Längswänden und an der Westwand drei Streifen von Einzelbildern aus der 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts, in denen sich der so genannte Rhäzünser Meister durch seine lineare und improvisierende Darstellungsweise in der Art einer Armenbibel von der stiltreuen und durchkomponierten Kunst des Waltensburger Meisters unterscheidet. In freier Folge streng voneinander geschiedene Szenen aus dem Alten und Neuen Testament, an der Nordwand zusätzlich Andachtsbilder: Oben der heilige Nikolaus mit den drei Jungfrauen, unten so genannter Feiertagschristus, Gregorsmesse, lokale Legende vom Sprung des heiligen Georg über den Rhein, Erzengel Michael als Seelenwäger, Tod und Bestattung der Muttergottes. Einfaches Herrschaftsgestühl 1661. Rechteckkanzel 1659.

(Kunstführer durch die Schweiz, Hg. Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte, Band 2, Bern 2005)

Literatur
Die Kirchen in Rhäzüns. Nossadunna - Sogn Paul - Sogn Gieri, Schweizerische Kunstführer GSK, Nr. 755, Bern 2004